Barrierefreiheit: Busse statt büßen müssen

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In punkto „barrierefreie Bushaltestellen“ sehen sich viele Kommunen in Deutschland vor einer großen herausforderung, denn mit der am 1. Januar 2013 in Kraft getretenen Novelle des Personenbeförderungsgesetzes (PBefG) zur Barrierefreiheit werden die Aufgabenträger verpflichtet, in den Nahverkehrsplänen die Belange von in ihrer Mobilität oder sensorisch eingeschränkten Menschen mit dem Ziel zu berücksichtigen, bis zum 1. Januar 2022 eine vollständig barrierefreie Nutzung der öffentlichen Nahverkehrsangebote zu erreichen.

Vorher: Die Bushaltestelle am Friedhof in Limburg entspricht nicht den Kriterien zur Barrierefreiheit gemäß Personenbeförderungsgesetz.

Eine stolze Aufgabe, wenn man bedenkt, wie groß die Anzahl an Bushaltestellen selbst in kleineren Städten ist. Alleine die mittelhessische Kreisstadt Limburg kommt mit ihren rund 35.000 Einwohnern auf 180 Bushaltestellen im Stadtgebiet. Der städtische Eigenbetrieb namens Stadtlinienverkehr verfolgt das Ziel, die Bushaltestellen im gesamten Stadtgebiet in einem Gesamtsystem zu gestalten, um dem Leitziel „Mobilität für alle“ gerecht zu werden. Dies soll durch den barrierefreien Ausbau der Haltestellen inklusive eines Blindenleitsystems erfolgen. Daher wurden hier in den letzten Jahren pro Jahr etwa 20 bis 25 Bushaltestellen barrierefrei umgebaut. Zum Einsatz kommt dabei ein spezielles Bordsteinsystem mit einer besonderen Eignung für Niederflurbusse.

Nach Angaben von Harald Diehl, Abteilungsleiter Straßenbau in der Limburger Stadtverwaltung, weist an den meisten Limburger Haltestellen der Ausstieg aus dem Bus sowie die Bordsteinhöhe zu große Höhenunterschiede auf, die Haltestellen sind teilweise nicht lang genug, und es fehlt das Blindenleitsystem. Ziel ist es, möglichst Höhengleichheit herzustellen. Dazu müssen die Bordsteine auf 20 bis 22 Zentimeter angehoben werden. Die barrierefreie Haltestelle soll so gestaltet sein, dass der Busfahrer möglichst dicht und vor allem gerade mit seinem großen Gefährt an den Bordstein heranfahren kann, um mit der Eingangstür am Aufmerksamkeitsfeld des Blindenleitsystems halten zu können. Der Abstand zwischen Bus und Bordstein soll nicht mehr als 5 Zentimeter betragen. Wird dies alles erreicht, dann sind der Ein- und Ausstieg auch für mobilitätseingeschränkte Personen gut zu schaffen.

Der zweistufige Niederflur-Busbordstein Nilflux 20 im Format 18 mal 36 Zentimeter verfügt über eine zurückgesetzte Bordkante und ermöglicht damit ein noch schonenderes Herantasten des Reifens an die Busbucht.

Diplom-Ingenieur Uwe Hessel vom Ingenieurbüro für Infrastruktur & Umwelt aus Altendiez beschreibt die Aufgaben: „Zentraler Punkt der Maßnahmen war die Erhöhung der Bordanlagen durch einen Niederflurbordstein zum Anfahren von Niederflurbussen mit „Kneeling“ (seitliche Absenkung des Busses beim Haltevorgang). Um einen barrierefreien Zugang in den Bus zu gewährleisten mussten die Bordanlagen auf eine Höhe von 20 Zentimetern (bei Gehwegbreiten größer gleich 2,50 Meter) und auf eine Höhe von 22 Zentimetern (Gehwegbreiten zwischen 1,50 und 2,50 Meter) über Straßenniveau angehoben werden. Die zukünftige Anfahrhöhe beträgt dann je nach Standort 20 beziehungsweise 22 Zentimeter bei einer maximalen Einstiegs-Spaltbreite von 5 Zentimetern. Infolge dieser Erhöhung wurde durch entsprechende Übergangsbordsteine ein Anschluss an den Bestand außerhalb des Ausbaubereichs der Bushaltestellen hergestellt.

Zum Einsatz an den Limburger Haltestellen kommt das Sonderbordsteinsystem Niflux des Betonwerks Hermann Meudt aus Wallmerod. Dieser zweistufige Niederflur-Busbordstein im Format 18 mal 36 Zentimeter verfügt über eine zurückgesetzte Bordkante und ermöglicht damit ein noch schonenderes Herantasten des Reifens an die Busbucht. Mit dem System Niflux 20 sind barrierefreie Bussteige gemäß PBefG mit einer Höhe von 20 bis 22 Zentimetern realisierbar. Für eine Absenkung der Bordanlage stehen verschiedene Übergangssteine auf Rund- und Hochborde aus dem Programm zur Verfügung.
Eine Besonderheit stellt auch die Beschichtung dieses Stein systems dar: Die schräge Anlaufseite ist glatt mit einem weißen Kunstharz beschichtet, sodass die Reifenreibung deutlich vermindert und der Reifenverschleiß reduziert wird (SRT-Wert kleiner 35, im Mittel zirka 29). Um dennoch Trittsicherheit zu gewährleisten, verfügt die weiße Steinoberseite über eine rutschfeste, raue Oberfläche aus Spezialkörnung und Kunstharz (SRT-Wert größer 55, im Mittel zirka 65). Ein weiterer Vorteil, den die Kunstharzbeschichtung mit sich bringt, ist der erhöhte Witterungswiderstand.

Neben den Bordanlagen wurden auch die Gehwege der Limburger Bushaltestellen barrierefrei umgebaut. Hierzu Uwe Hessel: „Bei der Bushaltestelle am Friedhof wurde der Gehweg im gesamten Ausbaubereich mit einem Rechteckbetonsteinpflaster ausgebildet, in dem ein Blindenleitsystem, bestehend aus Rippenplatten, eingebaut wird: Auf Höhe der ersten Einstiegstür des Busses wird ein Einstiegsfeld mit den Maßen 1,20 mal 0,90 Meter (wobei die 1,20 Meter lange Seite parallel der Bordanlage verläuft) angeordnet, das mindestens 0,30 Meter hinter der Bordsteinvorderkante beginnt und als Auffindestreifen mit einer Breite von 0,60 Metern bis an das Ende des Gehwegs reicht. Bis zum Jahr 2022 sollen insgesamt zirka 150 Limburger Bushaltestellen vollständig barrierefrei gemäß PBefG umgebaut sein. „Bis dahin ist es noch ein Stück Arbeit“, betont Uwe Hessel.

Kennwort: Meudt
Fotos: Uwe Hessel, Ingenieurbüro für Infrastruktur & Umwelt Hermann (1); Meudt Betonsteinwerk

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