Ausgabe 04/2020

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Die Menschheit ist zu überhitzt gewesen

Noch während der Berlinale, die am 1. März mit der Verleihung der Bären im Rahmen einer feierlichen Gala endete, war auf diversen Veranstaltungen zu hören: Wie gut, dass Deutschland vom Coronavirus nicht betroffen ist, nicht auszudenken, wenn wir hier italienische Verhältnisse hätten. Zu dem Zeitpunkt waren einige Regionen in Italien als Risikogebiete eingestuft, es herrschte jedoch noch keine allgemeine Ausgangssperre südlich der Alpen. Alles Geschichte! Die Pandemie wirkt sich so tiefgreifend auf unser soziales Leben, auf die Arbeit, die Wirtschaft und nicht zuletzt auf das Gesundheitssystem aus, dass derzeit niemand alle Folgen abschätzen kann.

Aktuell herrschen in Deutschland ein Kontaktverbot und viele weitreichende Maßnahmen mehr. Entscheidungen, die die Bundesregierung – plötzlich ist Bundeskanzlerin Angela Merkel wieder präsent! – im Schulterschluss mit den Ländern einmütig beschlossen haben. Maßnahmen, die mehr als wichtig waren und sind, obwohl auch hierzulande vielleicht doch ein paar Tage zu spät entschieden und gehandelt wurde.

Was mir auffällt, ist die Gelassenheit der Bürgerinnen und Bürger in unseren Städten und Gemeinden. Obwohl Grundrechte auf der Strecke bleiben mussten, handeln alle überaus besonnen. Keine Grüppchenbildung, Sicherheitsabstand in Supermärkten und Lebensmittelgeschäften, keine Aufregung über geschlossene Läden, Restaurants oder Bankfilialen.

Ja, es scheint so – auch wenn es vielleicht zynisch klingen mag –, dass das Coronavirus unser aller Leben auf der ganzen Welt entschleunigt. Von Trump was gehört? Von Johnson, von Putin, von Erdogan? Vergessen sind, zumindest vordergründig, die oft aggressiven Töne, die Streits, Strafzölle und Handelkriege. Und, was Deutschland betrifft, tut es uns nicht allen gut, mal eben nicht im Schickimicki-Bierzelt auf einem Frühlingsfest, im Fanblock der Fußball-Bundesliga oder auf der Autobahn mit dem schnellen Flitzer Wettrennen zu fahren und die Sau rauszulassen? Nach immer mehr zu streben, teilweise kriminelle Bank- und Börsengeschäfte zu tätigen, wegen eines Preisvorteils von ein paar Cent in Fernost Fahrzeugkomponenten und viele andere Artikel produzieren zu lassen?

Ja, wir sind mittendrin, uns wieder auf längst totgeglaubte Werte zurückzubesinnen. Ein Brettspiel mit der ganzen Familie, viel Zeit der Eltern für ihre Kinder, Telefonate mit Oma und Opa und lange sträflich vernachlässigte Freunde und Bekannte? Ein Spaziergang im Freien, mal wieder eine Runde joggen oder sich bei der Gartenarbeit einen freien Kopf holen? Einfach die Natur genießen, die kleinen Freuden erkennen? Weniger ist nicht nur zurzeit mehr.

„Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war das Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft? Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt“, schrieb einer meiner Kollegen seinerseits in einem Editorial. Recht hat er! Und so kann man das Coronavirus durchaus auch als Chance für die Zukunft sehen. Weniger Stress, weniger Streit, we
niger Umweltverschmutzung, mehr Sinn für die Familie und Freunde und für die kleinen Dinge des Lebens eben.

Doch meine Befürchtung: Wenn das Coronavirus – hoffentlich bald! – wieder vergessen ist, dann tauchen die Trumps, die Johnsons, die Putins, die Erdogans, die aggressiven Töne, die Streits, die Handelskriege und in Deutschland die allgemeine Stressgesellschaft wieder auf. Schade!

Mit den besten Grüßen aus München – und passen Sie auf sich auf!
Florian Peter
flop@flop-pm.de

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